Das Hindenburg-Omen
Von Thomas Bachheimer
Warum die Aktienmärkte von innen erodieren – und 2026 zur Stunde der Wahrheit wird
Es gibt Marktindikatoren, die beruhigen sollen. Und es gibt solche, die man lieber kleinredet, weil sie ganze Geschäftsmodelle infrage stellen. Das Hindenburg-Omen gehört eindeutig zur zweiten Kategorie. Es ist kein Crash-Orakel, kein Börsenhoroskop und kein Instrument für hektische Trader. Es ist ein Strukturindikator – und damit genau das, wovor sich die Wall Street seit Jahren fürchtet: nüchtern, datenbasiert und immun gegen Durchhalteparolen.
Denn dieses Omen misst nicht Kurse, sondern Zustände. Es fragt nicht, wie hoch ein Markt steht, sondern wie er dort oben überhaupt noch zusammengehalten wird. Und genau deshalb entfaltet es seine größte Aussagekraft zum Jahresende – jenem Zeitpunkt, an dem Märkte gezwungen sind, ehrlicher zu werden, als ihnen lieb ist.
Warum das Jahresende die Wahrheit erzwingt
Der Jahreswechsel ist für Finanzmärkte kein symbolischer Moment, sondern ein buchhalterischer. Bilanzstichtage lassen sich nicht wegmoderieren, Risiken nicht ewig vertagen, Verluste nicht mehr in die nächste Präsentation verschieben. Fonds, Versicherungen und institutionelle Investoren müssen Position beziehen – nicht rhetorisch, sondern real. Liquidität wird selektiver, Allokationsanpassungen schärfer, Ausreden kürzer.
Man könnte sagen: Das Jahresende ist für Märkte das, was Ebbe für ein Hafenbecken ist. Solange das Wasser hochsteht, wirken selbst morsche Pfeiler tragfähig. Erst wenn es sich zurückzieht, sieht man, welche Konstruktionen wirklich tragen – und welche nur vom Wasserstand der Zentralbanken zusammengehalten wurden.
Oder, etwas steirischer formuliert: Wenn der Nebel sich lichtet, merkt man erst, wer nackt im Feld steht.
Indikator für innere Zerrissenheit
Um das Hindenburg-Omen richtig einzuordnen, muss man ihm zunächst den mystischen Klang nehmen. Es ist kein Stimmungsindikator und keine Meinungsschau. Es basiert ausschließlich auf der tatsächlichen Kursentwicklung einzelner Aktien.
Die Grundidee ist einfach: In einem gesunden Markt bewegen sich die meisten Aktien grob in dieselbe Richtung. Entweder steigen viele gemeinsam, oder viele fallen gemeinsam. Kritisch wird es dann, wenn dieser innere Gleichklang verloren geht. Genau das misst das Hindenburg-Omen.
Konkret wird beobachtet, wie viele Aktien an einer Börse gleichzeitig neue 52-Wochen-Hochs und neue 52-Wochen-Tiefs markieren – und zwar während der Gesamtmarkt noch steigt oder zumindest stabil bleibt. Dieses gleichzeitige Auftreten von Stärke und Schwäche gilt als Warnsignal, weil es zeigt, dass Kapital nicht mehr breit investiert wird, sondern hektisch umgeschichtet. Vertrauen existiert nur noch punktuell.
Damit dieses Signal nicht zufällig entsteht, gelten zusätzliche Filter: Sowohl die Hochs als auch die Tiefs müssen einen bestimmten Mindestanteil aller gehandelten Aktien erreichen, und die Marktbreite – also das Verhältnis steigenden zu fallenden Titeln – darf nicht eindeutig positiv sein. Erst wenn diese Bedingungen zusammenkommen, spricht man von einem gültigen Hindenburg-Omen.
Für Laien übersetzt heißt das:
Der Markt wirkt stabil, aber er ist es nicht mehr als Ganzes. Gewinner und Verlierer driften auseinander, Liquidität fließt ungleichmäßig, Risiko wird nicht mehr gemeinsam getragen. Die Indizes steigen nicht aus Überzeugung, sondern aus Trägheit – getragen von wenigen Schwergewichten, während der Unterbau bereits bröckelt. Oder noch einfacher: Wenn gleichzeitig viele Aktien Rekorde feiern und viele andere still abstürzen, dann ist der Markt nicht stark – sondern nervös.
Historische Erfahrung: selten harmlos, nie folgenlos
Das Hindenburg-Omen ist kein Timing-Werkzeug. Es sagt nicht, wann etwas passiert, sondern dass sich ein Markt in einem instabilen Zustand befindet. Vor dem Crash von 1987 tauchte es mehrfach auf, ebenso vor dem Platzen der Technologieblase um das Jahr 2000 und vor der Finanzkrise 2007. Auch in den Jahren 2010, 2018 und 2020 kündigte es Phasen an, in denen sich die Märkte abrupt neu sortieren mussten.
Nicht jedes Signal führte unmittelbar zum Absturz. Aber jedes zeigte, dass die innere Ordnung bereits beschädigt war. Märkte können mit beschädigter Statik noch eine Zeit lang stehen. Doch sie verlieren ihre Fehlertoleranz.
Die Gegenwart: Stabilität als Inszenierung
Die aktuelle Marktlage fügt sich nahtlos in dieses Bild. Große Indizes nahe Hochs, eine kleine Gruppe hochliquider Titel als Träger der Performance, schwache Marktbreite, unter Druck stehende Nebenwerte, defensive Sektoren mit relativer Stärke. Gleichzeitig steigt die implizite Volatilität im Hintergrund, während Liquidität selektiv wird.
Das ist kein Zeichen von Stärke, sondern von Fluchtverhalten. Kapital sucht nicht mehr Rendite, sondern Deckung. Der Markt wirkt ruhig, aber er ist angespannt – wie ein Gebäude, in dem das Licht noch brennt, während im Keller bereits Risse durch die Wände laufen.
An der Wall Street wird dieses Bild routiniert umgedeutet. Dort spricht man von Rotation, von neuer Marktlogik, von Resilienz. Vorgetragen wird das von Börsenbuam, die seit Jahren weniger Marktteilnehmer, Analysten und schon gar keine Spekulanten sind, als sie vielmehr Zentralbank-Übersetzer und sunst goa nix sind. Eigenständige Preisfindung wurde ausgelagert, Risikobewertung delegiert, Verantwortung sozialisiert.
Ohne die permanente Hoffnung auf geldpolitische Rettung wären viele Strategien, viele Bewertungen und manche Karrieren längst obsolet wie ein Kukuruzföd im November. Der Markt funktioniert noch – aber nicht mehr aus eigener Kraft. Oder, wie wir in der Steiermark sagten Viel reden, wenig tragen – und hoffen, dass wer anderer den Karren (aus'n Dreck) zieht.
Die leisen Signale hinter den Kulissen
Abseits der offiziellen Narrative mehren sich die leisen Hinweise. Prime Broker verschärfen ihre Bedingungen, interne Stress-Tests rechnen wieder mit höherer Volatilität, Optionsmärkte preisen langfristige Risiken neu ein. Das sind keine Schlagzeilen, sondern Randnotizen. Doch gerade diese Randnotizen hatten historisch oft mehr Aussagekraft als jede Pressekonferenz.
Das Hindenburg-Omen fügt sich in dieses Bild wie ein fehlendes Puzzleteil. Es bestätigt, dass die scheinbare Ruhe nicht aus Stabilität entsteht, sondern aus Zögern. Niemand will der Erste sein, der geht – aber viele sind innerlich längst auf dem Sprung.
Warum 2026 zur Bewährungsprobe wird
2026 wird kein Jahr für einfache Börseng'schichten. Die strukturellen Spannungen sind zu groß, die Bewertungen zu ambitioniert, die geldpolitischen Spielräume zu begrenzt, die fiskalischen und geopolitischen Risiken zu ungelöst. In einem solchen Umfeld ist das Hindenburg-Omen kein Alarmismus oder gar Panikmache, sondern rein nüchterne Diagnose.
Es sagt nicht, dass Märkte zwangsläufig kollabieren müssen. Es sagt nur, dass sie ihre innere Balance verlieren – und dass dieser Zustand selten folgenlos bleibt. Wer das ignoriert, tut das nicht aus Unwissenheit, sondern aus Bequemlichkeit.
Gold und Sachwerte: kein Versprechen, aber ein Maßstab
An diesem Punkt beginnt wie immer die Diskussion über Gold und Sachwerte – nicht als Heilslehre, sondern als Referenz. Gold steigt nicht, weil es euphorisch wäre, sondern weil es außerhalb jenes Systems steht, das gerade an innerer Konsistenz verliert. Es misst Vertrauen – oder genauer: die Abwesenheit von Vertrauen.
Sachwerte sind kein Ersatz für Analyse, aber sie erinnern daran, dass Vermögen nicht davon lebt, wie oft es umgeschichtet wird, sondern worauf es am Ende beruht. In einer Phase, in der Märkte zunehmend von Erwartungen an Zentralbanken statt von realer Wertschöpfung getragen werden, ist das kein romantischer Gedanke, sondern schlichte Risikohygiene.
Denn Märkte explodieren selten von außen.
Sie zerfallen von innen.
Und das Hindenburg-Omen ist nicht der Knall –
sondern der Rauch, lange bevor jemand zugibt,
dass der Schuss bereits gefallen ist.