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De-Dollarisierung – natürlich will das niemand

De-Dollarisierung – natürlich will das niemand

von Thomas Bachheimer

 
Keine BRICS-Währung, kein offizieller Angriff auf den Dollar und schon gar keine feierliche Erklärung, man wolle die amerikanische Leitwährung stürzen. Wer in der New Delhi Declaration nach der großen monetären Revolution sucht, wird zunächst enttäuscht. Es gibt keinen „BRICS-Dollar", keinen gemeinsamen Gold-Yuan, keine neue Zentralbank und auch keine Währung, die Donald Trump eines Morgens beim Frühstück die Laune verderben könnte. Das ist wichtig festzuhalten, weil rund um jeden BRICS-Gipfel inzwischen mit schöner Regelmäßigkeit die Meldung auftaucht, die gemeinsame BRICS-Währung stehe unmittelbar vor der Einführung. Das tut sie nicht. In New Delhi wurde keine BRICS-Währung beschlossen, und das ist wahrscheinlich vernünftiger, als es manchen BRICS-Enthusiasten lieb ist.

Eine gemeinsame Währung zwischen so unterschiedlichen Volkswirtschaften würde eine außerordentlich weitgehende monetäre Koordination voraussetzen. Wer schon einmal beobachtet hat, wie schwierig sich eine gemeinsame Geldpolitik in der Eurozone gestalten kann, darf sich ungefähr vorstellen, wie harmonisch eine Zinssitzung mit China, Indien, Russland und Iran verlaufen würde. BRICS versucht deshalb etwas wesentlich Pragmatischeres: Man schafft vorerst keine neue Währung, sondern versucht, die vorhandenen Währungen und Zahlungssysteme besser miteinander zu verbinden. Die BRICS Payment Task Force und die Cross-Border Payments Initiative beschäftigen sich mit grenzüberschreitenden Zahlungen, Interoperabilität bestehender Zahlungs- und Messaging-Systeme und einer stärkeren Verwendung nationaler Währungen bei Handel und Investitionen.

Das klingt weniger spektakulär als die Schlagzeile „BRICS führt neue Weltwährung ein", ist ökonomisch aber wahrscheinlich interessanter. Wenn beispielsweise ein indisches Unternehmen brasilianische Rohstoffe kauft, stellt sich eine einfache Frage: Warum muss diese Transaktion zwingend über den Dollar laufen? Warum zuerst Rupien in Dollar und anschließend Dollar in Real umwandeln, wenn beide Seiten technisch, regulatorisch und finanziell in der Lage wären, direkt oder über entsprechende Clearingmechanismen abzurechnen? Man baut keine gemeinsame monetäre Kathedrale mit einer BRICS-Zentralbank als Hochaltar, sondern verlegt zunächst Leitungen zwischen den einzelnen Häusern. Wenn das Wasser irgendwann direkt von Delhi nach São Paulo fließen kann, stellt sich ganz von selbst die Frage, weshalb es vorher noch durch New York geleitet werden muss.

Und hier beginnt die De-Dollarisierung, die offiziell möglichst keine sein soll. Indien hat wenig Interesse an einem ideologischen Kreuzzug gegen den Dollar, und auch die Vereinigten Arabischen Emirate haben als internationaler Finanzplatz keinen erkennbaren Grund, SWIFT zu verbrennen und ihre Dollarbestände aus dem Fenster zu werfen. Selbst China geht pragmatischer vor, als manche martialische Schlagzeile vermuten lässt. Das langfristig Unangenehme für den Dollar könnte deshalb gerade darin liegen, dass niemand einen großen Angriff auf ihn starten muss. Wenn immer mehr Geschäfte in nationalen Währungen abgewickelt werden und die Zahlungssysteme besser miteinander kommunizieren können, muss niemand den Dollar verbieten. Er wird bei einem Teil dieser Geschäfte schlicht nicht mehr benötigt. Weltwährungen verschwinden selten an einem Montagmorgen um neun Uhr; sie verlieren zunächst Funktionen.

Gerade deshalb ist es sinnvoll, mit dem Mythos einer unmittelbar bevorstehenden gemeinsamen BRICS-Währung aufzuräumen. New Delhi setzt auf nationale Währungen und die technische Verbindung bestehender Systeme. Das ist nicht nur realistischer, sondern politisch wahrscheinlich intelligenter. Eine gemeinsame Währung würde sofort Fragen aufwerfen: Wer kontrolliert sie? Wo sitzt die Zentralbank? Wer bestimmt Geldmenge und Zinspolitik? Welche Reserven stehen dahinter? Welche Rolle spielt China? Wie viel Einfluss erhält Indien? Und wer haftet im Krisenfall für wen? Bei interoperablen Zahlungssystemen muss man diese Probleme zunächst nicht lösen. Jeder behält seine monetäre Souveränität, gleichzeitig versucht man, den Verkehr zwischen den Währungen billiger, schneller und unabhängiger von dritten Währungen zu machen.

Der zweite wichtige Baustein ist die New Development Bank. Sie soll weiter an Bedeutung gewinnen, ihre Mitgliedschaft erweitern und mehr Infrastruktur- und Entwicklungsfinanzierung ermöglichen. Besonders interessant ist die stärkere Finanzierung in lokalen Währungen. Ein klassisches Problem vieler Schwellen- und Entwicklungsländer besteht darin, dass sie ihre Einnahmen überwiegend in der eigenen Währung erzielen, internationale Kredite aber häufig in Dollar bedienen müssen. Fällt die heimische Währung gegenüber dem Dollar, kann aus einem tragbaren Kredit sehr schnell ein Problem werden. Lokale Finanzierung beseitigt dieses Risiko nicht vollständig, kann es aber reduzieren.

Die NDB ist noch lange keine Weltbank II und sollte auch nicht künstlich dazu erklärt werden. Strategisch interessant ist jedoch, dass BRICS damit eine zusätzliche Finanzierungsquelle besitzt, die man selbst kontrolliert und schrittweise erweitern kann. Wieder begegnet uns also das Bild der beiden Häuser: Im alten Haus fordert BRICS mehr Stimmrechte bei IWF und Weltbank, während man nebenan gleichzeitig die eigene Bank ausbaut. Rund um diese Bank und die neuen Zahlungswege entsteht eine breitere Finanzinfrastruktur aus Garantien, Versicherungen, Investitionsplattformen, Clearing und Settlement. Internationaler Handel besteht eben nicht nur aus Käufer, Verkäufer und Rechnung. Wer wirtschaftlich unabhängiger werden möchte, muss irgendwann die gesamte Installation mitbauen.

Nach New Delhi existiert der Dollar genauso weiter wie vorher. SWIFT funktioniert, die Federal Reserve wurde nicht geschlossen, und alte Dollarscheine müssen noch nicht als Tapete verwendet werden. Trotzdem verändert sich unterhalb dieser spektakulären Ebene einiges. Nationale Zahlungssysteme sollen besser miteinander verbunden, Handel in lokalen Währungen erleichtert und die NDB erweitert werden. Das alles ist noch kein alternatives Weltfinanzsystem, aber es sind Bauteile eines Systems, das den BRICS-Staaten mehr Möglichkeiten gibt. Vielleicht ist das am Ende sogar die eleganteste Form der De-Dollarisierung: Niemand will sie offiziell betrieben haben, aber plötzlich braucht man den Dollar ein bisschen weniger. Und wenn das Jahr für Jahr geschieht, könnte ausgerechnet jene De-Dollarisierung die wirksamste werden, die angeblich niemand gewollt hat.