Der Korridor, der zu viel verbindet
von Die Fähe
Der Zangezur -Korridor ist eine geplante Transportroute, die die westlichen Regionen Aserbaidschans mit der Autonomen Republik Nachitschewan verbinden soll und durch die südliche Provinz Syunik in Armenien verläuft. Im Kern geht es um ein kaum 40 Kilometer langes Grenzgebiet am fernen Übergang zwischen Europa und Asien, bislang abseits internationaler Aufmerksamkeit, nun jedoch von zunehmender geopolitischer Bedeutung.
Es handelt sich um den kurzen Grenzabschnitt zwischen dem Südkaukasusstaat Armenien und dem Iran. Für beide ist es eine Lebensader. Sicherheitspolitisch heikel ist der Bereich auch deshalb, weil östlich der verfeindete Nachbar Aserbaidschan liegt und westlich dessen Exklave Nachitschewan.
Der aserbaidschanische Wunsch nach diesem Korridor ist ein wichtiger Faktor im seit Mai 2021 stattfindenden armenisch-aserbaidschanischen Grenzkonflikt. Das Konzept sieht die Einrichtung einer souveränen, ununterbrochenen Verkehrsverbindung (wahrscheinlich eine Autobahn und/oder Eisenbahn) durch diese Region vor. Entscheidend ist, dass Aserbaidschan sich dies als einen Korridor mit besonderem rechtlichem Status vorstellt, ähnlich dem Lachin-Korridor, der Armenien mit Bergkarabach verbindet (obwohl sich der Status des Lachin-Korridors nach der aserbaidschanischen Offensive von 2023 nun geändert hat).
Während der Sowjetunion waren sowohl Aserbaidschan als auch Armenien Republiken (SSR), und Reisen und Transporte zwischen Nachitschewan und dem übrigen Aserbaidschan verliefen ungehindert über armenisches Gebiet. Der erste Berg-Karabach-Krieg (1988-1994) führte zur Schließung der Grenze zwischen Armenien und Aserbaidschan. Alle direkten Verkehrsverbindungen wurden gekappt, so dass Nachitschewan physisch von Aserbaidschan isoliert und auf den Flugverkehr oder eine lange, umständliche Route durch den Iran angewiesen war. Der zweite Berg-Karabach-Krieg endete mit einem von Russland vermittelten Waffenstillstandsabkommen (der Trilateralen Erklärung vom 9. November 2020). Artikel 9 dieses Abkommens ist von zentraler Bedeutung: "Alle Wirtschafts- und Verkehrsverbindungen in der Region werden wiederhergestellt. Die Republik Armenien garantiert die Sicherheit der Verkehrsverbindungen zwischen den westlichen Regionen der Republik Aserbaidschan und der Autonomen Republik Nachitschewan, um den ungehinderten Verkehr von Personen, Fahrzeugen und Gütern in beide Richtungen zu ermöglichen." Diese Klausel ist die Grundlage für das moderne Konzept des Zangezur -Korridors.
Für Aserbaidschan würde der Korridor eine direkte Landverbindung nach Nachitschewan wiederherstellen und die Isolation der Exklave beenden.Ebenfalls würde eine durchgehende Verbindung zur Türkei über Nachitschewan (das an die Türkei grenzt) geschaffen, ein wichtiges strategisches Ziel für Baku. Er wäre somit ein wichtiges Segment des geplanten Mittleren Korridors (Transkaspische Internationale Transportroute), einer Handelsroute von China nach Europa, die Russland umgeht. Der Zangezur-Korridor ist von großer wirtschaftlicher und strategischer Bedeutung für den Südkaukasus und darüber hinaus. Das Projekt zielt darauf ab, den Handel Aserbaidschans mit der Türkei und Europa zu fördern, indem die Logistikinfrastruktur verbessert, die Transportkosten gesenkt und die Reisezeit zwischen Aserbaidschan und Nachitschewan erheblich verkürzt werden. Durch die Erleichterung eines effizienteren Frachtverkehrs würde der Korridor die Position Aserbaidschans als Transitknotenpunkt stärken und so zu den allgemeinen wirtschaftlichen Diversifizierungsbemühungen des Landes beitragen. Eine solche Erweiterung würde Sektoren wie Landwirtschaft, Fertigung und Logistik umfassen und Aserbaidschans derzeitige Abhängigkeit von Energieexporten verringern. Darüber hinaus würde eine verbesserte Landverbindung die Abhängigkeit vom Flugverkehr zwischen Baku und Nachitschewan verringern, was zu erheblichen Kosteneinsparungen führen und regionale Entwicklungsinitiativen unterstützen würde.
Armenien wehrt sich hingegen vehement gegen den Begriff "Korridor", da er Exterritorialität oder einen Verlust der souveränen Kontrolle impliziert. Eriwan besteht darauf, regionale Verkehrsverbindungen zwar zu öffnen, aber die volle Kontrolle über alle Straßen zu behalten, die durch sein Territorium führen und armenischen Grenz- und Zollkontrollen unterliegen. Das ohnehin kleine Armenien fürchtet um sein Überleben und will keinesfalls noch mehr Territorium verlieren. Als Alternative hat Armenien eine eigene Initiative zur Freigabe aller regionalen Verkehrsverbindungen vorgeschlagen, "Crossroads of Peace", die auf den Grundsätzen der nationalen Zuständigkeit und der Gegenseitigkeit beruhen, einschließlich der Strecken in den Iran und die Türkei. Es besteht die tief sitzende Befürchtung, dass die Gewährung eines Korridors zu Gebietsverlusten führen und eine neue Frontlinie mit der Türkei schaffen könnte.
Die Türkei unterstützt den Korridor nachdrücklich, da er einen zusammenhängenden türkischen Block von Anatolien bis zum Kaspischen Meer schaffen würde. Russland, ursprünglich als Garant für das Abkommen von 2020 angesehen, hat seinen Einfluss reduziert. Der Korridor könnte die Abhängigkeit Armeniens von Russland verringern und andererseits Russland eine neue Handelsroute bieten, wenn es beteiligt bleibt.
Im Rahmen seiner Belt and Road Initiative, BRI, sieht China den Zangezur-Korridor als einen möglichen Teil seines größeren Plans zur Verbesserung der Konnektivität in der gesamten eurasischen Region. Pekings Ziel, mehr direkte Landverbindungen - in diesem Fall über den Südkaukasus - zwischen China und Europa zu schaffen, steht im Einklang mit dem Korridor. Er hat das Potenzial, Chinas Ziel einer stärker vernetzten eurasischen Wirtschaftslandschaft erheblich voranzubringen, indem er die Frachttransitzeiten und -kosten zwischen Asien und Europa senkt. Ebenfalls ist es ein wünschenswertes Projekt für chinesische Investitionen.
Der Iran gehört nach wie vor zu den schärfsten Gegnern des Zangezur-Korridors, da er befürchtet, dass das Projekt die Rolle des Irans als regionaler Transitknotenpunkt marginalisieren und seinen strategischen Einfluss im Südkaukasus untergraben würde. Die iranischen Politiker befürchten, dass der Korridor den direkten Landzugang des Irans zu Armenien abschneiden könnte, einem historisch gesehen strategischen Partner und einem entscheidenden Bindeglied für den Handel Teherans mit der Eurasischen Wirtschaftsunion (EAEU), der Armenien angehört. Eine solche Entwicklung würde nicht nur Teherans Präsenz in der Region schwächen, sondern auch seine Fähigkeit beeinträchtigen, als wichtiger Vermittler in der regionalen Logistik und Energieverteilung zu agieren. Darüber hinaus betrachtet der Iran den Korridor als ein Mittel für die Türkei, ihre geopolitische Reichweite zu erweitern und den Einfluss Ankaras auf die türkische Welt zu stärken. Die Stärkung der Position Aserbaidschans durch dieses Projekt verschärft die Bedenken Teherans weiter, da es den wachsenden Einfluss Bakus als direkte Herausforderung seiner historischen Rolle als Machtvermittler in der Region ansieht. Teheran ist auch sehr besorgt über den zunehmenden türkischen Nationalismus, da es befürchtet, dass dieser separatistische Gefühle unter der großen aserbaidschanischen Minderheit im Iran schüren könnte. Angesichts der Tatsache, dass sich schätzungsweise 16 % der iranischen Gesamtbevölkerung als ethnisch aserbaidschanisch bezeichnen, könnte jede signifikante Verschiebung in der regionalen Geopolitik innenpolitische Auswirkungen haben und möglicherweise Forderungen nach größerer Autonomie oder sogar separatistischen Bewegungen innerhalb der iranischen Grenzen Vorschub leisten. Als Reaktion auf diese wahrgenommenen Bedrohungen hat der Iran aktiv versucht, ein Gegengewicht zu dem Projekt zu schaffen, indem er die Beziehungen zu Armenien gestärkt und sich für alternative Transitrouten eingesetzt hat, die seinen Einfluss auf den regionalen Handel und die Logistik aufrechterhalten.
Der iranische Politikwissenschaftler Shoaib Bahman ist der Ansicht, der Zangezur-Korridor könne nicht nur als bilaterale Angelegenheit zwischen Aserbaidschan und Armenien betrachtet werden, sondern als ein Projekt mit tiefgreifenden regionalen Dimensionen und direkten Auswirkungen auf das geopolitische Gleichgewicht in der Region. Laut Bahman lehne Teheran den Korridor aus mehreren Gründen ab, darunter:
Der Korridor würde der NATO einen Landzugang zum Kaspischen Meer verschaffen, was den Weg für eine Ausweitung ihrer militärischen Präsenz im Kaukasus und die Verbindung Europas mit Zentralasien über eine Land-See-Brücke ebnen könnte. Dies stelle eine direkte Bedrohung für die nationale Sicherheit des Irans dar.
Der Korridor würde die Landgrenze zwischen Teheran und Armenien durchtrennen, die für den Zugang des Irans zum Schwarzen Meer und nach Europa eine lebenswichtige Verkehrsader darstellt. Seine Schließung bedeute für den Iran eine »geopolitische Erstickung« und den Verlust einer seiner wichtigsten Landverbindungen zum Westen.
Der Korridor verschiebe das Machtgleichgewicht im Kaukasus zugunsten Bakus, was der iranischen Politik widerspricht, die Dominanz einer Partei in der Region zu verhindern (solange nicht er selbst diese Partei ist, müsste man hinzufügen).
Der Korridor stärke die Präsenz Israels im Kaukasus, da Israel Öl aus Aserbaidschan importiert und das Land mit Waffen beliefert. Der von den USA kontrollierte Korridor würde diese Beziehungen weiter festigen.
Der ehemalige Vorsitzende des Ausschusses für nationale Sicherheit und Außenpolitik des iranischen Parlaments Heshmatollah Falahatpisheh meint: »Angesichts der anhaltenden Spannungen zwischen Washington und Teheran könnte eine amerikanische Präsenz in der Nähe der iranischen Grenze über diesen Korridor zu einer echten kolonialen Herausforderung werden.« Die gemeinsame Grenze zwischen dem Iran und Armenien stelle für die Islamische Republik einen einzigartigen Weg nach Europa dar, »und eine Unterbrechung dieser Grenze durch den neuen Korridor könnte starke Reaktionen seitens des Irans hervorrufen«, drohte Falahatpisheh.
Der wichtigste Knackpunkt ist nach wie vor die rechtliche Regelung der künftigen Route: Soll sie unter armenischer Souveränität mit normalen Grenzkontrollen stehen oder einen besonderen, exterritorialen Status haben? Aserbaidschan bezeichnet das Projekt als " Zangezur -Korridor" oder "Zangezur -Route", um den historischen Namen zu betonen, während Armenien den Begriff "Korridor" strikt vermeidet.
Am 8. August 2025 unterzeichneten Armenien und Aserbaidschan im Beisein von US-Präsident Donald Trump im Weißen Haus ein Abkommen über den Bau eines 40 km langen Transitkorridors, der „Trump-Straße für internationalen Frieden und Wohlstand" (englisch Trump Route for International Peace and Prosperity, TRIPP). Donald Trump sagte, die Benennung der Route nach ihm sei "eine große Ehre", aber "ich habe nicht darum gebeten". Ein hochrangiger Beamter der Regierung sagte, dass es die Armenier waren, die den Namen eingebracht hätten. Die Route, vorgeschlagen von armenischer Seite, wird für 99 Jahre an die USA verpachtet und von privaten Investoren mit Bahn, Straße, Öl- und Gaspipelines sowie Glasfaserleitungen ausgestattet. Aserbaidschan erhält kommerziellen Zugang, Armenien behält die Hoheit, und die Sicherheit übernehmen private Unternehmen. Die Festlegung auf eine "kommerzielle" Lösung ist Armenien wichtig, weil der Staat kein Territorium abgibt.
Das Schicksal des Zangezur-Korridors bleibt unklar, da er einen wichtiger Streitpunkt in den Friedensgesprächen zwischen Armenien und Aserbaidschan darstellt und diplomatische sowie militärische Spannungen den Verlauf bestimmen. Andauernde Konflikte verzögern dringend notwendige Investitionen, beeinträchtigen das Wirtschaftswachstum und halten die geopolitische Unsicherheit in der Region aufrecht. Für Aserbaidschan wäre es ein Weg zur territorialen Einheit und zur stärkeren Integration mit der Türkei. Armenien sieht eine große Bedrohung für seine Souveränität und territoriale Integrität. Ein Frieden zwischen Armenien und Aserbaidschan könnte die Umsetzung fördern und regionales Wirtschaftswachstum sowie Stabilität stärken. Der Korridor böte Handelsvorteile für die Region, während ein Scheitern zur Entwicklung des iranisch unterstützten Aras-Korridors, der eine Umgehung Armeniens ermöglicht, führen könnte. Für die Region ist es ein potenziell transformatives Projekt, mehr als nur ein regionales Infrastrukturprojekt, das Handelsrouten und regionale Allianzen verändern könnte. Seine Zukunft wird die politische und wirtschaftliche Landschaft des Südkaukasus entscheidend mitbestimmen, sowie auch die Wirtschaftslandschaft darüber hinaus.