Von Thomas Bachheimer

Es ist eines dieser klassischen Phänomene, an denen man sofort erkennt, wer Märkte versteht – und wer nur Schlagzeilen konsumiert. Der Nahe Osten eskaliert, die geopolitische Temperatur steigt spürbar, die üblichen „Experten" sprechen von Unsicherheit, Chaos und globalen Risiken – und was macht Gold? Es fällt.

Für den durchschnittlichen Anleger ist das ein Widerspruch. Krieg bedeutet doch Unsicherheit, Unsicherheit bedeutet Flucht in sichere Häfen, und der sicherste Hafen ist Gold. So zumindest die Lehrbuchlogik, die seit Jahrzehnten durch westliche Medien und Bankanalysen gereicht wird wie ein abgestandenes Glas Leitungswasser.

Nur hat diese Logik ein Problem: Sie funktioniert nur in der Theorie – nicht in der Realität eines hochverschuldeten, gehebelt operierenden Finanzsystems.

Der entscheidende Denkfehler
liegt darin, dass Gold im Westen nicht mehr primär als Geld verstanden wird, sondern als Asset unter vielen. Ein Asset, das man kauft, wenn es ins Narrativ passt, und verkauft, wenn man Liquidität braucht..

Denn Gold hat eine Eigenschaft, die in guten Zeiten als größter Vorteil gilt – und (nur) am Beginn schlechter Zeiten zum größten Nachteil wird: Es ist das liquideste reale Asset der Welt. Das „most marketable product on planet". Jeder akzeptiert es, jeder versteht es, und vor allem: Jeder kauft es sofort.

Und genau deshalb wird es in Stressphasen verkauft. Nicht, weil es schlecht ist. Sondern weil es zu gut ist. Das ist die brutale Ironie dieses Systems: Das stabilste Asset wird als erstes geopfert, um das instabilste System zu stützen.

Wenn die Märkte unter Druck geraten,
wenn Margin Calls durch die Wall Street Schluchten oder Londoner City peitschen und gehebelte Positionen implodieren, dann interessiert sich niemand mehr für geopolitische Narrative oder langfristige Absicherung. Dann zählt nur noch eines: Liquidität. Und Liquidität bekommt man nicht, indem man problematische Assets verkauft – die will in solchen Momenten sowieso niemand. Liquidität bekommt man, indem man das verkauft, was immer geht. Und so wird der größte Vorteil des Goldes kurzfristig zum größten Nachteil aber halt nur kurzfristig. Eigentlich wird dadurch nur ein gewisser und sicher nicht. Ganz freiwilliger Y-Boning-Effekt (Y-Bone englisch für Zwuschel/Steinschleuder) vorbereitet. Man muss etwas zurück ziehen damit es nach vorne beschleunigen kann. Und je weiter man eben das Preisband zurückzieht, desto weiter wird das zu schleudernde gut nach vorne geschleudert.

Gold in Krisenzeiten kurzfristig runter – nichts Neues
Wer jetzt aber glaubt, das sei eine neue Entwicklung, der hat entweder ein sehr kurzes Gedächtnis oder bewusst weggeschaut. 2008, als das globale Finanzsystem kurz vor dem Kollaps stand, fiel Gold zunächst deutlich. Über 30 % in 7 Monaten! Nicht, weil plötzlich niemand mehr an Gold glaubte, sondern weil Liquidität benötigt wurde. Banken, Fonds und institutionelle Investoren mussten Positionen schließen, und sie verkauften das, was sie verkaufen konnten. Was dann zwischen 2008 und 2011 geschah, ist wohl Goldgeschichte. Ein Anstieg von 680 auf 1910!

 


Ein ähnliches Bild im März 2020 – COVID. Die Welt stand still, Märkte kollabierten, Panik dominierte – und Gold? Es fiel. Wieder. Damals für eine längere Zeit. Da zusätzlich zur Rezession plötzlich die Zinsen massiv erhöht wurden, und zwar so schnell wie seit 40 Jahren nicht mehr. Und dann, nachdem die Liquiditätskrise abgearbeitet war, setzte eine der dynamischsten Aufwärtsbewegungen ein, die wir in der jüngeren Geschichte gesehen haben- von 1620 auf 5.598 – wieder wurde Goldgeschichte geschrieben.


Das Muster ist also nicht zufällig, sondern strukturell. Gold fällt nicht trotz Krise – sondern wegen der Mechanik, die im Westen über Jahrzehnte aufgebaut wurde.

Und genau hier offenbart sich das eigentliche Problem des westlichen Finanzsystems. Es ist ein System, das so stark auf Verschuldung, Hebel, Preisbildung an Papiermärkten und kurzfristige Liquidität optimiert ist, dass es in Stressphasen gezwungen ist, seine eigenen Sicherheiten zu verkaufen, um überhaupt funktionsfähig zu bleiben. Man könnte auch sagen: Es frisst sich selbst.

Im Osten viel Neues
Währenddessen passiert im Rest der Welt etwas völlig anderes. In Asien, im Nahen Osten, bei den BRICS-Staaten wird Gold nicht als Trading-Instrument betrachtet, sondern als strategischer Vermögensanker. Dort wird physisches Gold akkumuliert, nicht gehandelt. Dort denkt man nicht in Quartalen, sondern in Generationen.

Der Westen hingegen handelt Papiergold, Derivate und Futures und glaubt ernsthaft, damit Kontrolle über den Preis zu haben. Das funktioniert – bis es nicht mehr funktioniert.

Und zwischen der Gedankenwelt des Ostens und Westens liegen die an und für sich goldaffinen aber oft sehr originellen Türken, deren Zentralbank in den letzten Jahren wie wahnsinnig Gold gekauft hat. Aber ähnlich wie die Wall Street Buam haben sie offensichtlich Gold doch nicht ganz so gut verstanden, Gold verkauft und Gewinne mitgenommen, um das Budget zu verbessern. Dies bringt zwar kurzfristige Linderung aber eine Änderung der Ausgaben-, Verschuldungs- und insbesondere der Geldpolitik bei gleichzeitigem Halten des Goldes hätte mittel- und langfristig dem Land sicher mehr geholfen.

Der aktuelle „Disconnect", also die scheinbare Entkopplung zwischen geopolitischer Realität und Goldpreis, ist daher kein Rätsel, sondern eine logische Folge dieser Systemstruktur. Der Markt reagiert nicht primär auf Nachrichten, sondern auf Zwang. Und Zwang entsteht im Finanzsystem selbst, nicht auf dem Schlachtfeld.

Krieg liefert die Schlagzeilen. Die Märkte liefern die Realität.
Und diese Realität ist unbequem: Solange Liquidität gebraucht wird, kann selbst Gold unter Druck geraten. Aber genau in diesem Moment wird auch die Grundlage für die nächste Bewegung gelegt.

Denn sobald die Zwangsverkäufe durch sind, sobald die schwachen Hände der ETF-Trader und Wall Street Buam, die Gold wie Aktien behandeln, aus dem Markt gespült wurden und die Liquiditätslage sich stabilisiert, dreht sich das Bild. Dann kehrt Gold zu seiner eigentlichen Rolle zurück – als Absicherung gegen genau jenes System, das zuvor gezwungen war, es zu verkaufen.

Und dann passiert das, was nach 2008 und nach 2020 passiert ist: Gold steigt. Nicht moderat, nicht linear, sondern mit einer Dynamik, die jene überrascht, die zuvor verkauft haben (schauen Sie sich nochmals die Charts darüber an).

Nicht das Gold ist „disconnected", sondern ….
Der eigentliche Widerspruch ist also keiner. Gold fällt nicht, weil es seine Funktion verloren hat. Es fällt, weil das System, in dem es gehandelt wird, kurzfristig dysfunktional ist.

Oder, um es etwas weniger bachheimer-untypisch akademisch und etwas näher an der Realität zu formulieren: Der Westen verkauft im Stress seine Lebensversicherung, um die nächste Rate für ein überschuldetes System zu bezahlen. Der Osten hingegen kauft genau diese Lebensversicherung – und wartet.

Am Ende ist es wie so oft: Die einen handeln, die anderen denken strategisch. Und wer glaubt, Gold sei nur dann interessant, wenn es steigt, der wird auch diesmal wieder zu spät kommen.