von Thomas Bachheimer

Unter den zahlreichen Absätzen der New Delhi Declaration gibt es einen, bei dem ich naturgemäß etwas länger hängen geblieben bin. Er beschäftigt sich mit Diamanten und „precious metals" und sieht vor, tragfähige Mechanismen zur Förderung des Handels innerhalb der BRICS und auf dem Weltmarkt zu prüfen. Zunächst muss man sauber bleiben: Gold wird in diesem Absatz nicht ausdrücklich genannt, Silber übrigens auch nicht. Die Declaration spricht allgemein von Edelmetallen. Wer daraus morgen eine goldgedeckte BRICS-Währung oder eine neue BRICS-Goldbörse herausliest, hat entweder eine sehr gute Fantasie oder den Absatz nicht vollständig gelesen. Trotzdem wäre es ebenso falsch, die Formulierung als bedeutungslos abzutun.

Gold ist das wichtigste monetäre Edelmetall, wird von Zentralbanken als Reserve gehalten und spielt in mehreren großen BRICS-Volkswirtschaften eine bedeutende Rolle bei der privaten Vermögensbildung. Wenn die BRICS-Staaten gemeinsam erklären, Mechanismen zur Förderung des Edelmetallhandels innerhalb ihrer Gruppe und auf dem Weltmarkt untersuchen zu wollen, dann darf ein Goldmensch zumindest die Augenbraue heben. Interessant wird dieser Punkt vor allem zusammen mit den anderen Beschlüssen von New Delhi. BRICS hat keine gemeinsame Währung geschaffen, arbeitet aber an Zahlungen in nationalen Währungen, an der Interoperabilität bestehender Systeme und an einer stärkeren eigenen Finanzinfrastruktur. Wenn nun zusätzlich der Handel mit Edelmetallen institutionell erleichtert wird, entsteht daraus noch kein neues Goldsystem. Es entsteht aber ein Umfeld, in dem physisches Gold und Silber innerhalb einer breiteren asiatischen und BRICS-nahen Architektur leichter gehandelt, finanziert, gelagert, geliefert und abgerechnet werden könnten.

BRICS selbst vereinigt auf der Edelmetallseite eine ungewöhnliche Mischung aus Produzenten, Verbrauchern, Finanzplätzen und großen Goldhaltern. China und Indien gehören zu den wichtigsten Goldmärkten der Welt, Russland und Südafrika besitzen eine lange Bergbautradition, und die Vereinigten Arabischen Emirate haben sich zu einem bedeutenden physischen Handels- und Logistikzentrum entwickelt. Gleichzeitig sehen wir seit Jahren eine zunehmende Bedeutung asiatischer Nachfrage und der Zentralbankkäufe für den globalen Goldmarkt. Das ist keine BRICS-Erfindung. Es ist eine strukturelle Verschiebung, die BRICS durch bessere Infrastruktur rund um den physischen Handel zusätzlich verstärken könnte.

Und genau hier wird Hongkong wesentlich mehr als eine Fußnote. Hongkong ist kein BRICS-Mitglied, aber seine besondere Position innerhalb Chinas und gleichzeitig im internationalen Finanzsystem könnte die Stadt zu einer der wichtigsten Brücken zwischen Chinas Goldambitionen und der breiteren BRICS-Edelmetallagenda machen. Am 7. Juli 2026 startete Hongkong den Testbetrieb seines neuen zentralen Gold-Clearing- und Settlement-Systems. Gleichzeitig wurde die erste Phase von Delivery Connect mit der Shanghai Gold Exchange gestartet, der HAU-Hongkong-Goldpreis-Ticker eingeführt und der weitere Ausbau von Lagerung, Raffination, Investmentprodukten, steuerlichen Anreizen und Versicherung angekündigt. Das ist nicht mehr bloß eine PowerPoint-Ambition; Teile der Infrastruktur sind bereits in Betrieb.

Besonders wichtig ist die Verbindung mit Shanghai. Delivery Connect soll physisches Gold zwischen dem Hongkonger Clearing-System und der Infrastruktur der Shanghai Gold Exchange beweglicher machen und damit Hongkongs OTC-Markt enger mit dem börslichen Markt in Shanghai verbinden. Hongkong will dabei eine skalierbare Plattform für Clearing, Konnektivität, Preisfindung, Risikomanagement, Lagerung und Versicherung für internationale Marktteilnehmer entwickeln. Noch interessanter ist der HAU-Ticker als Hongkong-spezifische Preisreferenz insbesondere für die asiatischen Handelszeiten. Hongkong versucht also nicht nur, mehr Gold zu lagern. Die Stadt will Teil jener Maschinerie werden, über die Gold gehandelt, abgerechnet und langfristig auch stärker bepreist wird.

Diese Entwicklung hängt unmittelbar mit Chinas größeren strategischen Ambitionen zusammen. Hongkongs Regierung hat den Ausbau des Goldmarktes ausdrücklich mit Chinas wirtschaftspolitischer Planung und der Unterstützung Hongkongs beim Aufbau eines Rohstoffhandels-Ökosystems verbunden. Die Stadt will ihre Goldlagerkapazität innerhalb weniger Jahre auf mehr als 2.000 Tonnen ausbauen, Raffination und Versicherung stärken und die Verbindung mit dem chinesischen Festland vertiefen. Für 2027 ist der offizielle Start des zentralen Clearing- und Settlement-Systems vorgesehen; zugleich arbeitet HKEX an physisch erfüllten, in Renminbi denominierten Gold-Futures. Das ist dann doch etwas mehr als die Eröffnung eines weiteren Tresorraums mit anschließendem Gruppenfoto.

Für die BRICS-Pläne kann das hochrelevant werden. Die New Delhi Declaration sagt nicht, dass Hongkong ein BRICS-Goldzentrum werden soll, und man sollte einen solchen Satz auch nicht erfinden. Aber BRICS will den Edelmetallhandel fördern, während China in Hongkong gleichzeitig genau jene Infrastruktur aufbaut, die ein solcher Handel benötigt: physische Lieferung, Lagerung, Clearing, Settlement, Risikomanagement, Versicherung und einen engeren Zugang zum Markt in Shanghai. Das sind zwei getrennte Entwicklungen, aber strategisch passen sie bemerkenswert gut zusammen. BRICS liefert ein wachsendes Netzwerk aus Produzenten, Verbrauchern und Handelspartnern; China und Hongkong bauen einen Teil jener Marktinfrastruktur, über die solche Ströme künftig verstärkt laufen könnten.

Damit entsteht ein interessantes asiatisches Dreieck. Shanghai liefert den gewaltigen chinesischen Binnenmarkt und zunehmend eigene Preisreferenzen. Hongkong kann die internationale Schnittstelle, Kapitalmarktzugang, Clearing und physische Konnektivität bereitstellen. Dubai ist bereits ein bedeutendes Tor für physischen Edelmetallhandel zwischen Asien, dem Nahen Osten und Afrika. Werden diese Zentren enger miteinander verbunden, entsteht daraus nicht per Regierungsbeschluss eine neue BRICS-Goldbörse. Es könnte etwas Organischeres und vielleicht Wirkungsvolleres entstehen: eine asiatische physische Goldarchitektur rund um bestehende Märkte, mit Hongkong in einer besonders strategischen Position zwischen China und dem Rest der Welt.

Und hier wird die Frage der Preisbildung wirklich interessant. London und New York werden nicht verschwinden, und es wäre unseriös, etwas anderes zu behaupten. Ihre OTC-, Futures-, Hedging- und Liquiditätsfunktionen bleiben enorm wichtig. Aber Preisbildung folgt Liquidität, Kapital und irgendwann auch den physischen Warenströmen. Wenn China Shanghai weiter stärkt, Hongkong sich zur internationalen Clearing-, Lager- und Settlement-Brücke zum chinesischen Goldmarkt entwickelt und BRICS gleichzeitig mehr Edelmetallhandel zwischen seinen Mitgliedern fördert, könnte sich ein größerer Teil des weltweiten physischen Goldgeschäfts entlang einer asiatischen Achse konzentrieren. Hongkong wäre in einem solchen Szenario nicht einfach ein weiterer Ort, an dem Gold liegt. Es könnte einer jener Orte werden, an denen sich der internationale und der chinesische Goldmarkt zunehmend treffen.

Genau deshalb halte ich Hongkong für eines der möglicherweise unterschätztesten Elemente der kommenden Goldmarktarchitektur. Die Stadt verbindet Chinas strategische Rückendeckung mit einem international vertrauten Finanzumfeld, tiefen Kapitalmärkten, globaler Logistik und geografischer Nähe zur größten Goldverbrauchsregion der Welt. Gleichzeitig zielt die Regierung nun ausdrücklich auf Clearing, Preisfindung, physische Lieferung und eine Rolle als Reserve- und Lagerzentrum. Treffen Pekings Ambitionen für eine stärkere chinesische Rolle im internationalen Goldhandel auf die BRICS-Ambition für mehr Edelmetallhandel, ist Hongkong beinahe ein natürlicher Ort, an dem sich beide Entwicklungen verbinden können.

Was bedeutet das für Gold und Silber? Kurzfristig sollte man weder eine Gipfelerklärung noch ein neues Clearing-System überschätzen. Beides erzeugt für sich allein keine zusätzliche Tonne Nachfrage. Es gibt keine BRICS-Kaufquote, keinen gemeinsamen BRICS-Goldfonds und keine Verpflichtung der Zentralbanken zu zusätzlichen Käufen. Wer aus einem Absatz der Declaration ein Goldpreisziel für Weihnachten errechnet, betreibt eher Astrologie als Volkswirtschaft. Mittel- und langfristig ist die Richtung jedoch konstruktiv für Edelmetalle, sofern aus politischer Absicht reale Infrastruktur entsteht. Einfachere Handelswege, mehr Lagerkapazität, bessere Finanzierung, Clearing und Settlement sowie zusätzliche physische Handelsplätze reduzieren Reibungsverluste und können institutionellen wie privaten Marktteilnehmern den Zugang erleichtern.

Bei Gold trifft diese Entwicklung auf einen Markt, der ohnehin stark von asiatischer Nachfrage und Zentralbankkäufen geprägt wird. Bei Silber könnte der Hebel größer, aber auch volatiler sein, weil Silber monetäres Edelmetall und Industriemetall zugleich ist. Die wichtigere Geschichte ist jedoch nicht der Preis der nächsten Woche, sondern die Geografie des Marktes. Jahrzehntelang lagen Produktion, physischer Verbrauch, Reserven und Preisbildung teilweise weit auseinander. Nun wachsen Nachfrage, Lagerung, Clearing und Finanzinfrastruktur zunehmend in Asien – und Hongkong positioniert sich bewusst mitten in dieser Verschiebung.

Niemand muss deshalb verkünden, der Goldpreis werde „von London nach Hongkong" übersiedeln. Märkte fragen Politiker normalerweise nicht um Erlaubnis, bevor sie sich bewegen. Niemand muss London oder New York abschaffen, COMEX oder LBMA bekämpfen oder Shanghai zur neuen Hauptstadt des Goldes erklären. Es genügt, wenn mehr physisches Gold in Asien gekauft, über asiatische Plattformen gehandelt, in asiatischen Tresoren gelagert, von asiatischen Institutionen finanziert und schließlich über Shanghai und Hongkong gecleart und abgerechnet wird. Dann kann ein Teil der Preisbildung mit dem Geschäft selbst mitwandern. Oder etwas weniger diplomatisch: Wenn das Gold zunehmend in Asien wohnt, wäre es auf Dauer etwas eigenartig, wenn es jeden Morgen in London anrufen müsste, um zu fragen, was es wert ist.

Der Edelmetall-Punkt der New Delhi Declaration ist deshalb noch keine Revolution des Weltgoldmarktes. Zusammen mit Chinas sehr konkreten Goldambitionen für Hongkong verdient er aber wesentlich mehr Aufmerksamkeit, als ein kleiner Absatz normalerweise bekommt. BRICS spricht über die Ausweitung des Edelmetallhandels. China baut Infrastruktur. Hongkong könnte eine der Brücken zwischen beiden werden. Und bei Gold können Brücken ziemlich wichtig werden, sobald genügend Metall darüberläuft.