Von Redaktion auf Montag, 30. März 2026
Kategorie: KW 14

Nur vorrübergehend geschlossen

Von Thomas Bachheimer

Im Gegensatz zum europäischen Mainstream schreibe ich diesen Text nicht aus sicherer Distanz, sondern aus unmittelbarer Nähe zum Geschehen. Ich war ja seit Beginn dieses Krieges durchgehend hier in den Emiraten, habe die Entwicklungen vor Ort beobachtet, die Stimmung auf der Straße gespürt und mit Unternehmern, Investoren und ganz normalen Menschen gesprochen. Gleichzeitig habe ich die Berichterstattung im deutschsprachigen Raum verfolgt – und genau deshalb halte ich eine Richtigstellung für notwendig. Nicht zuletzt auch, weil mir ein bekannter TV-Moderator aus Österreich, während eines Live-interviews noch gewünscht hatte, „genießen Sie den Raketenhagel" – nur weil er mit meiner nicht ganz so dystopischen Sichtweise mehr als unzufrieden war. Aber auch weil das, was ich hier erlebe, mit dem Bild, das man Ihnen in Europa vermittelt, nur sehr bedingt zu tun hat

Die UAE werden derzeit nicht einfach herausgefordert, sie werden einem echten Stresstest unterzogen. Angriffe auf Infrastruktur, Drohnen in urbanen Gebieten und eine spürbare militärische Spannungslage zeigen, dass die Region keine Insel der Seligen ist. Dennoch fällt auf, wie unterschiedlich diese Situation interpretiert wird. Während hier vor Ort mit bemerkenswerter Ruhe der Bewohner, perfekter Organisation und Klarheit reagiert wird, scheint man in Europa eine gewisse Genugtuung zu verspüren. Zwischen den Zeilen vieler Berichte liest man eine fast erleichterte Botschaft: Endlich zeigt sich, dass Dubai doch verwundbar ist.

Diese Schadenfreude ist aus meiner Sicht kein Zufall, sondern Ausdruck eines tieferliegenden Problems. Denn Dubai steht für ein Modell, das in Europa zunehmend fremd geworden ist. Es steht für wirtschaftliche Freiheit, für niedrige Steuern, für schnelle Entscheidungen und für einen Staat, der sich als Dienstleister versteht und nicht als Erziehungsinstanz. Wenn dieses Modell funktioniert, dann wirft es natürlich Fragen auf, die man in Europa lieber vermeidet. Warum gelingt Wachstum dort, wo man es hierzulande durch Regulierung und Ideologie zunehmend erschwert? Warum zieht Kapital dorthin, wo es willkommen ist, während es aus Europa abwandert? Ein Zustand der für die regierenden Sozialisten - auch wenn sie sich in anderen Parteien verstecken - untragbar ist.

Dubai war nie ein Zufallsprodukt, sondern das Ergebnis einer konsequent umgesetzten Strategie. Man hat verstanden, dass Kapital, Unternehmertum und Talent nicht durch moralische Appelle angezogen werden, sondern durch klare Rahmenbedingungen. Wer investiert, wird geschützt. Wer arbeitet, wird nicht bestraft. Wer Erfolg hat, wird nicht politisch problematisiert. Das hat dazu geführt, dass sich Dubai innerhalb weniger Jahrzehnte von einem regionalen Handelsplatz zu einem globalen Finanz- und Wirtschaftszentrum entwickelt hat.

Die aktuelle Krise stellt dieses Modell zweifellos schwer auf die Probe, aber sie widerlegt es nicht. Im Gegenteil, sie zeigt, wie belastbar es ist. Die geografische Lage der Emirate wird oft als Risiko dargestellt, doch sie ist gleichzeitig einer ihrer größten strategischen Vorteile. Die Region bildet die Brücke zwischen 3 Kontinenten, die Nähe zu den wichtigsten Handelsrouten und Energieflüssen der Welt macht die Region nicht nur (ein wenig) verwundbar, sondern auch massiv unverzichtbar. Wer zwischen Ost und West positioniert ist, ist nicht nur betroffen von globalen Entwicklungen, sondern gestaltet sie mit.

Hinzu kommt ein Aspekt, der in der europäischen Debatte gerne ausgeblendet wird: die reale wirtschaftliche Basis. Während Europa zunehmend versucht, sich von fossilen Energieträgern zu lösen, verfügen die Emirate weiterhin über bedeutende Ressourcen und nutzen diese strategisch. Gleichzeitig haben sie ihre Wirtschaft erfolgreich diversifiziert und sich in Bereichen wie Finanzdienstleistungen, Tourismus, Technologie und Handel breit aufgestellt. Diese Kombination aus Ressourcenstärke und wirtschaftlicher Offenheit schafft eine Stabilität, die man nicht unterschätzen sollte.

Der vielleicht entscheidendste Unterschied liegt jedoch in der Art und Weise, wie Politik gemacht wird. Während europäische Systeme häufig durch langwierige Entscheidungsprozesse geprägt sind, zeichnen sich die Emirate durch eine mehr als beachtliche Handlungsfähigkeit aus. Maßnahmen werden nicht monatelang diskutiert, sondern umgesetzt. Rahmenbedingungen werden angepasst, wenn es notwendig ist, und nicht erst dann, wenn der Schaden bereits eingetreten ist. Diese Flexibilität ist ein zentraler Faktor für die Resilienz des Systems.

Dennoch wäre es unehrlich – was wir von bachheimer.com ja nicht sein wollen - die aktuellen Auswirkungen auf bestimmte Branchen zu relativieren. Besonders der Tourismus, der Kongresstourismus und die Luftfahrtindustrie stehen derzeit unter erheblichem Druck. Die Unsicherheit in der Region führt dazu, dass Reisen verschoben oder abgesagt, internationale Veranstaltungen ausgesetzt und Unternehmen vorsichtiger agieren werden. Vertrauen, das Fundament dieser Branchen, ist in solchen Situationen naturgemäß erschüttert. Auch große Akteure wie Emirates sind davon betroffen, da sinkende Passagierzahlen und steigende operative Risiken unmittelbare wirtschaftliche Folgen haben 100erte Millionen werden täglich verloren.

Gleichzeitig zeigen gerade diese Branchen immer wieder, wie schnell sie sich erholen können. Die globale Mobilität ist kein vorübergehendes Phänomen, sondern ein grundlegendes Element der modernen Wirtschaft. Geschäftsbeziehungen, Investitionen und internationale Zusammenarbeit erfordern physische Präsenz und persönliche Begegnungen. Dubai spielt dabei eine zentrale Rolle als globaler Knotenpunkt zwischen Europa, Asien und Afrika. Diese strukturelle Bedeutung verschwindet nicht durch eine temporäre Krise. Aber ja, sollte diese Krise noch viel länger andauern, was angesichts des US-Involvements zu befürchten ist, könnten die Vorzüge dieser Region vaporisieren, die Restwelt würde durch die Lieferkettenausfälle aber mindestens genauso stark in Mitleidenschaft gezogen werden – was „nur ein schwacher Trost" ist.

Zudem bleibt die Infrastruktur vollständig erhalten. Flughäfen, Hotels, Konferenzzentren und logistische Netzwerke stehen weiterhin zur Verfügung und können sofort wieder genutzt werden, sobald sich die Lage stabilisiert. Erfahrungsgemäß führt das Ende einer Krise nicht zu einer langsamen Rückkehr zur Normalität, sondern zu einem beschleunigten Aufholprozess – das kenne wir aus den Post-Pandemie-Zeiten. Verschobene Reisen werden nachgeholt, abgesagte Veranstaltungen neu angesetzt und Investitionsentscheidungen reaktiviert. Gerade Standorte, die bereits über eine funktionierende Infrastruktur verfügen, profitieren von dieser Dynamik besonders stark.

Die Geschichte UAEs liefert hierfür mehrere Beispiele. Nach der Finanzkrise 2008, die das Emirat mehr als hart getroffen hat, folgte eine Phase des erneuten, noch schnelleren Wachstums – Antifragilität at ists best. Auch während der Pandemie haben Dubai bzw. die Emirate durch eine vergleichsweise schnelle Öffnung seiner Wirtschaft internationale Aufmerksamkeit und Kapital angezogen. Der Anstieg der Immo-Preise zwischen 2022 und 2025 legt ein beeindruckendes Zeugnis dafür ab. Diese Fähigkeit zur Anpassung und zur schnellen Wiederbelebung wirtschaftlicher Aktivität ist ein wesentlicher Bestandteil des Erfolgsmodells „Gulf-Economy".

Vor diesem Hintergrund erscheint die teilweise spöttische Berichterstattung in Europa -von der Politik sicherlich begrüßt, wenn nicht gar gefördert - umso bemerkenswerter. Zumeist wirken die Berichte weniger wie nüchterne Analysen als vielmehr wie ein Versuch, die eigenen strukturellen Schwächen zu relativieren. Wenn ein System wie jenes der Emirate, Qatars und anderer trotz externer Schocks stabil bleibt, stellt das die Frage nach der Wettbewerbsfähigkeit der „heimischen" Modelle bzw. der Fähigkeiten der jeweiligen Regierungen umso deutlicher.

Abschließend sei nochmals festgehalten, dass die aktuelle Situation zweifellos ernst ist und kurzfristige Auswirkungen hat. Gleichzeitig spricht vieles dafür, dass die Vereinigten Arabischen Emirate auch diese Herausforderung bewältigen werden. Die Kombination aus strategischer Lage, wirtschaftlicher Offenheit, staatlicher Handlungsfähigkeit und bestehender Infrastruktur bildet eine Grundlage, die auch in oder gerade nach Krisenzeiten mehr als tragfähig ist. Das Gros der GCC-Staaten sprich Golf Cooperation Council (UAE, SaudiArabien, Qatar, Kuwait, Oman und Bahrain) wird sich anpassen, wie sie das in der Vergangenheit bereits mehrfach bewiesen haben. Und es ist durchaus wahrscheinlich, dass gerade die Emirate aus dieser Phase nicht geschwächt, sondern in zentralen Bereichen sogar gestärkt hervorgehen werden.

Was man hier vor Ort ebenfalls deutlich hört – und das ist ein Punkt, der in Europa kaum thematisiert wird – ist, dass der Einfluss des Westens am Golf langfristig eher ab- als zunehmen dürfte. Die aktuelle Eskalation wird nicht nur als sicherheitspolitisches Ereignis wahrgenommen, sondern auch als strategischer Weckruf. Es geht längst nicht mehr nur um Saudi-Arabien, das öffentlich darüber spricht, seine Allianzen neu zu bewerten, sondern um eine breitere Bewegung innerhalb der Golfstaaten. Einige beginnen, ihre Abhängigkeiten zu hinterfragen und ihre außenpolitischen Optionen neu auszutarieren. Das bedeutet nicht automatisch eine Abkehr vom Westen, aber sehr wohl eine stärkere Diversifizierung der Partnerschaften – mit mehr Eigenständigkeit, mehr Pragmatismus und weniger Bereitschaft, sich in fremde Konflikte hineinziehen zu lassen. Stellt sich halt nur mehr die Frage, ob und wie dieses Ansinnen vom „Westen" hingenommen wird – auch keine Kleinigkeit.