Der Partisan der Schönheit

Anno 1586 ließ der Zar auf dem heutigen Stadtgebiet von Woronesch eine hölzerne Grenzfestung als vorgeschobener Außenposten zur Abwehr der Einfälle der Krimtataren errichten. Auf der Krim ist es mittlerweile ruhig, doch in Woronesch lebt noch die Erinnerung an eine kriegerische Vergangenheit. 90 Prozent der alten Stadt waren dem 2. Weltkrieg zum Opfer gefallen. Die Stadt am gleichnamigen Fluß hemmte die deutsche Sommeroffensive des Jahres 1942 für nicht einmal ein Monat und doch verlor der „Plan Blau" hier seinen Schwung und vor allem wertvolle Tage für den geplanten großflächigen Zangenangriff, dessen Scheitern letztlich zur Katastrophe von Stalingrad führte.

So nimmt es nicht Wunder, daß just in Woronesch seit 2024 ein Kongreß für Frieden und Völkerverständigung mit dem etwas sperrigen Namen „The Anticyclone international Political Science Forum" abgehalten wird, wo Medienvertreter aus ganz Europa einen alternativen Zugang zur gegenwärtigen militärischen Zuspitzung suchen. Die idealgesinnten Organisatoren haben noch Hoffnung aufkommende Kriegslüsternheit einzufangen, denn die Hoffnung, sie stirbt bekanntlich zuletzt. 450 Kilometer südöstlich von Moskau liegt die Stadt schon recht nahe an der gegenwärtigen Frontlinie, doch die Bewohner haben sich an das gelegentliche Dröhnen der Drohnen gewöhnt.

Es gibt nicht viel zu sehen in dieser Industriestadt abgesehen von der obligaten Stalinallee im Sowjetklassizismus und der wirklich beeindruckenden Verkündigungskathedrale. Der mächtige Bau im altrussischen – orthodoxen Stil wurde nach elfjähriger Bauzeit erst 2009 geweiht. Der Vorgängerbau, dessen Ruinen von gottlosen Stalinisten 1950 abgerissen wurden, war einst vom Heiligen Metrophanes von Woronesch 1692 errichtet worden.Der Heilige wirkte als großer Kirchen- und Klösterstifter und trat entschlossen für die Rechte Gottes und seiner Kirche auf. Er widerstand auch Peter dem Großen ins Angesicht, wenn es die Pflicht gebot. Dabei war der Heilige Metrophanes ein überzeugter Patriot, der den Bau der Flotte zur Belagerung von Asow finanziell wie geistlich unterstütze.

Er bildet paradigmatisch das Verhältnis von Staat und Kirche im heiligen Russland ab, das noch heute zu beobachten ist. Es mag schon sein, daß die orthodoxe Hierarchie von KGB-Leuten durchsetzt war, nun steht sie fest zur traditionellen Glaubensverkündigung und zu ihrem Vaterland. Mitunter erinnern Bilder von Patriarch Kyril mit Präsident Putin an die Harmonie von Patriarch und Zar im Ancién Règime. Als allgemeine Befindlichkeit konnte ich in Russland stets scheinbar paradoxe Beurteilungen feststellen: Zar Nikolaus und seine Familie sind allesamt Heilige, Lenin ein Schwerverbrecher, doch Stalin irgendwie – beeindruckend; und „Ivan Grosny" ist ihnen mit „Ivan der Schreckliche" ganz falsch übersetzt. „Ivan der Gestrenge", das trifft es wohl besser und als solcher erfreut er sich heute ungeteilter Bewunderung seines Volkes. Es ist den Russen wohl eine allgemeine Begeisterung für Gewalt nicht abzusprechen, ebenso wie eine enorme Leidensfähigkeit, an der, vereint mit der Tiefe des Raumes und der Härte des Klimas, bislang alle Invasoren scheiterten.

Jener archaische Volkscharakter erfuhr auch die Verwirrung der Aufklärung und die daraus folgende Koketterie mit dem Westen. Eine vorbildhafte Szene stellt uns hier den Bruch vor Augen. Ilya Repin zeigt den irren Schmerz in den Augen Ivan Grosnys, nachdem er im Zorn seinen Sohn erschlagen hatte. Als Peter der Große seinen widerständigen Sohn zu Tode peitschen ließ, nahm er im Nebenraum zur Musik der Schmerzensschreie seines Kindes eine schmackhafte Mahlzeit ein. Den „Altgläubigen" mit ihren versteinerten Traditionen ging er ebenso ans Leben und erzwang eine Modernisierung des ganzen Reiches, das er nun nach den Westen ausrichtete. Diese Neuorientierung aber blieb stets Stückwerk und inkonsequent, widerspricht sie doch zutiefst der Identität des russischen Volkes. Alexander Dugin ist zuzustimmen, wenn er betont, daß die russische Kultur weder eine europäische noch eine asiatische sein kann, sondern einen Zivilisationsraum sui generis bildet. Dabei tauchen beständig Paradoxa auf und sind auszuhalten.

Als Vladimir Putin am 25. September 2001 in einer flammenden Rede, 15-mal durch heftigen Beifall unterbrochen, an eine deutsch-russische Völkerfreundschaft und Zusammenarbeit appellierte, schien dieses Band zum Westen neu geknüpft. Doch wie heißt es bei Friedrich Schiller: „Es kann der Frömmste nicht in Frieden bleiben, wenn es dem bösen Nachbar nicht gefällt". Russische Rohstoffe und deutsches Know-How bildeten die einzige Macht, der der zeitweilige Hegemon USA nicht gewachsen wäre. Daher war es laut George Friedman stets erstes geopolitisches Ziel der USA eine Verbindung von Russland und Deutschland zu verhindern. Die USA traten nicht in den 1. Weltkrieg wegen eines versenkten Schiffes im Atlantik ein, sondern wegen des Friedens von Brest-Litowsk, der die deutsche Dominanz über Russland gebracht hätte. Der Kalte Krieg machte die BRD zur höchst militarisierten Zone des Planeten, um die Russen vor einer Übernahme abzuschrecken. Die gräßlichste Vorstellung der Amerikaner freilich wäre eine friedliche Kooperation der beiden großen Kontinentalmächte gewesen. Was nun folgte, war eine gezielte Einkreisung Russlands durch die Nato und ein Putsch in der Ukraine, sowie die mit amerikanischem Geld bezahlte Medienkampagne zur Dämonisierung des russischen Bären. Gleichsam als Krönung des Masterplans glaubt nun ein ehemaliger Black Rock Mitarbeiter an den Hebeln der Macht in BRD zu sitzen. Aber er ist sowieso nur eine Marionette der Ramsteiner Republik.

Putin und Russland trieb das alles in die Arme der Chinesen und durch den Ausschluß aus dem Swift Zahlungssystem wurde die gesamte Wirtschaft von Europa abgeschnitten.

So ist wohl heute Russland zu allererst eine asiatische Macht und doch, der innere Widerspruch ist in gewisser Weise konstitutiv für dieses Eurasische Brückenreich. Der letzte Verteidiger traditioneller christlicher europäischer Werte ist heute Russland, Kirchen werden neu errichtet, das Mönchstum erlebte eine neue Blüte, LGBT-Vereinigungen sind als terroristische Organisationen pönalisiert und in den Grundschulen stehen „eine starke Familie", „der Wert des Lebens", „Liebe zur Heimat", „Historisches Gedächtnis" und „Würde und Freiheit" auf dem Lehrplan. Moskau ist die europäische Stadt mit den größten Mahomendaner Anteil und doch ist sie in ihrem Zentrum ausschließlich russisch-orthodox geprägt. Die Doppeladlerfahne mit dem Heiligen Georg im Herzschild weht stolz allüberall und manch einer kann schon die Zarenhymne singen. Dabei gilt nach wie vor als offizielle Hymne die Melodie der ehemaligen „Hymne der bolschewistischen Partei", nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion zeitweilig ohne Text, seit 2000 mit neuen Versen, die von Heiligkeit, Liebe und Stolz singen. Das heilige Russland ist mit der kalten Logik der Aufklärung nicht zu verstehen, genauso wenig wie die dunklen Hymnen der Ostkirche.

Ronald F. Schwarzer, Impresario, Waldgänger & Partisan der Schönheit Wien 19.3.2026