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Der Thailand-Kambodscha Konflikt

Der Thailand-Kambodscha Konflikt

von Die Fähe


Das Verhältnis der beiden Nachbarstaaten, die sich heute eine 800 Kilometer lange Grenze teilen, ist durch eine wechselvolle Geschichte belastet. Große Gebiete Thailands gehörten einst zum alten Khmer-Reich, das von etwa 800 bis 1430 existierte und die vorherrschende Macht in Südostasien war. Die, vermutlich in der zweiten Hälfte des 1. Jahrtausends eingewanderten, Thai-Völker rebellierten im 13. Jahrhundert erfolgreich gegen die Herrschaft der Khmer. Der Khmer-Staat geriet nun seinerseits teilweise unter thailändische und auch vietnamesische Herrschaft.

Mit der Ankunft der europäischen Kolonialmächte in Südostasien änderte sich das Machtgefüge. Die heutige Grenze zwischen Thailand und Kambodscha ist ein Ergebnis der Kolonialzeit: Thailand, das bis 1939 noch Siam hieß, konnte zwar seine Unabhängigkeit bewahren, musste aber Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts umfangreiche Grenz- und Einflussgebiete an die Kolonialmächte Frankreich und Großbritannien abtreten, als nach der französischen Besetzung Kambodschas die Grenzen zwischen den beiden Ländern gezogen wurden. Darunter fiel auch das von Siam abhängige Kambodscha, das 1887 Teil von Französisch-Indochina wurde.

Zwischen Thailand und Kambodscha sind erneut Grenzscharmützel ausgebrochen, bei denen ein kambodschanischer Soldat ums Leben kam, die Grenzen geschlossen wurden und die thailändische Premierministerin Paetongtarn suspendiert wurde. Dieses jüngste Aufflackern eines seit langem bestehenden Streits hat innenpolitisch, insbesondere in Thailand, zu stärkeren Auswirkungen geführt, nationalistische Gefühle neu entfacht und zu verstärkter militärischer Präsenz entlang der Grenze geführt.

1. Historische Rivalität und Nationalismus

Beide Länder haben eine lange Geschichte von Konflikten, insbesondere während des Khmer-Reichs und der späteren thailändischen Dominanz über kambodschanische Gebiete. Im 19. und 20. Jahrhundert annektierte Siam Gebiete wie Battambang und Siem Reap, die später unter französischer Kolonialherrschaft an Kambodscha zurückfielen.Nationalistische Gruppen in beiden Ländern schüren bis heute anti-kambodschanische bzw. anti-thailändische Stimmungen.

Für viele Kambodschaner und Thailänder ist die Aussicht auf einen Gebietsverlust, wie unbedeutend er auch sein mag, eng mit tief sitzenden Gefühlen von nationalem Verlust und Demütigung verbunden. Anthony Barnett schrieb 1991 über Kambodscha, dass aufgrund des allmählichen Verlusts an politischem Territorium seit der Blütezeit des Angkor-Reiches die "Angst vor dem Aussterben" eine ungewöhnlich zentrale Rolle im nationalen Imaginären des Landes spielte.

Der thailändische Nationalismus beinhaltet eine parallele Sorge um die Integrität der Landesgrenzen. Während die Thais routinemäßig stolz darauf sind, dass sie als einzige südostasiatische Nation nicht vom Westen kolonisiert wurden, erlebte das Königreich Siam dennoch "ständige, manchmal gewaltsame Konfrontationen mit westlichen Mächten", so der Historiker Shane Strate. In seinem 2015 erschienenen Buch "The Lost Territories: Thailand's History of National Humiliation" (Thailands Geschichte der nationalen Demütigung) argumentiert Strate, dass sich der thailändische Stolz, der Kolonisierung durch den Westen entgangen zu sein, mit einem zweiten, unheilvolleren Thema vermischt: einem, das "die Kosten und Konsequenzen des Überlebens aufzeigt und Siam oft eher als Opfer denn als Sieger darstellt". In Strates Erzählung identifiziert dieses politische Narrativ eine Reihe von "verlorenen Territorien": Landstriche, die "einst zum thailändischen Staat gehörten, aber von feindlichen Mächten durch Betrug oder Aggression weggenommen wurden". Dazu gehören die Gebiete des heutigen Laos, die 1893 an Frankreich abgetreten wurden, die westlichen kambodschanischen Provinzen Battambang, Sisophon und Siem Reap (einschließlich Angkor Wat), die im Grenzvertrag von 1907 an Frankreich abgetreten wurden, und die malaiischen Provinzen Kelantan, Terengganu, Kedah und Perlis, die Siam 1909 an Großbritannien überschrieb. Dieses Narrativ der nationalen Demütigung hilft zu erklären, warum thailändische Nationalisten von den Aktionen ihres objektiv viel schwächeren Nachbarn so offensichtlich entnervt sind: Hinter den heutigen Gebietsansprüchen Kambodschas stehen Erinnerungen an demütigende Kapitulationen vor westlichen Mächten.

2. Grenzstreit um den Prasat Preah Vihear-Tempel

Der Tempel von Preah Vihear (thailändisch Prasat Phra Wihan) thront idyllisch auf dem über 500 Meter hohen Dangkrek-Gebirge. Im Jahr 893 wurde unter Yashovarman dem I. mit dem Tempelbau begonnen. Nachfolgende Könige erweiterten den Komplex bis er schließlich durch Suryavarmann dem II. 1150 vollendet wurde. Letztere hat auch Angkor Wat erbaut. Der Tempel wurde vom Volk der Khmer, der dominierenden Ethnie im heutigen Kambodscha, im 10. bis 12. Jahrhundert erbaut und sukzessive erweitert. Der Hindu-Tempel war eine der wichtigsten Tempelanlagen im Khmer-Königreich und trägt Merkmale verschiedener architektonischer Stile. Er steht auf einem felsigen Hügel, der nach Süden – auf der kambodschanischen Seite – steil in eine Ebene abfällt, während er von der thailändischen Seite im Norden über eine natürliche Rampe leicht zugänglich ist. Die Khmer gaben die dem Hindu-Gott Shiva gewidmete Anlage vermutlich bereits im 12. Jahrhundert auf. Der Tempel zerfiel danach, doch die Steinverzierungen sind gut erhalten geblieben.

Das Gebiet um die Tempelanlage wurde 1904 zwar an Französisch Indochina abgetreten, blieb aber weiterhin umstritten - Thailand erhob stets Anspruch auf den Tempel. Nach der Unabhängigkeit von Frankreich wurde das Tempelgebiet 1953 von Thailand besetzt. Kambodscha intervenierte beim internationalen Gerichtshof von Den Haag. 1962 entschied dieser, dass der Tempel zu Kambodscha gehört, die umliegende Grenzlinie blieb jedoch unklar. Thailand akzeptierte das Urteil nur teilweise, da der Zugang zum Tempel von thailändischer Seite einfacher ist.

1975 bis zum Tode von Pol Pot 1998 besetzten die Roten Khmer das Gelände. Durch die Unwegsamkeit des Geländes konnten sie sich sehr lange dort halten. Erst 1998 gaben sie auf.

2008 flammten erneut Grenzstreitigkeiten auf, als Kambodscha einen Antrag stellte, die Tempelanlage in das Weltkulturerbe der UNESCO aufzunehmen. Dem Antrag wurde stattgegeben und Preah Vihear als kambodschanisches Weltkulturerbe registriert– was den bereits seit den 1950er Jahren schwelenden Konflikt wieder aufflammen ließ.

2008–2011 kam es zu schweren Gefechten. Beide Seiten beschuldigten sich gegenseitig der Grenzverletzung, Artillerieduelle forderten Tote und Vertriebene. 2013 ordnete der Internationale Gerichtshof, IGH, eine entmilitarisierte Zone um den Tempel an, die Spannungen blieben aber bestehen.

Das aktuelle Scharmützel fand jedoch in einem anderen Grenzgebiet in der Nähe von Ubon Ratchathani, im Smaragddreieck, statt. Beide Regierungen beschuldigen sich gegenseitig, die Gewalt angezettelt zu haben, und haben ihre Streitkräfte in höchste Alarmbereitschaft versetzt. Thailand behauptet, seine Soldaten hätten in Selbstverteidigung gehandelt, nachdem sich die kambodschanischen Truppen geweigert hatten, sich zurückzuziehen und scharf geschossen hatten, während Kambodscha behauptet, seine Truppen seien ohne Provokation beschossen worden.

3. Ressourcen und wirtschaftliche Interessen

Grenzüberschreitende Schutzgebiete wie das Smaragddreieck, der Emerald Triangle Protected Forests Complex, zeigen die Bedeutung der Wälder und der biologischen Vielfalt in der Region. Es gehört zu den gemeinsam genützten Gebieten.

Ebenfalls zu den sich überschneidenden Ansprüchen gehören Gebiete wie der Golf von Thailand, was Auswirkungen auf die Erschließung und Nutzung von Ressourcen hat (Overlapping Claim Areas OCA). Ein Gebiet, das reich an Öl- und Gasvorkommen ist.

Die Grenzregion zwischen Thailand und Kambodscha verfügt über eine Vielzahl natürlicher Ressourcen, darunter Holz, Mineralien und landwirtschaftliche Erzeugnisse. Beide Länder teilen sich auch den Mekong, eine lebenswichtige Wasserstraße mit großer sozioökonomischer und ökologischer Bedeutung. Auch bietet er ein erhebliches Potenzial für die Stromerzeugung aus Wasserkraft.

Tourismus, der Tempel ist eine wichtige Einnahmequelle, spielt ebenfalls eine Rolle.

Seit 2011/2013 hat sich die Lage beruhigt, aber kleinere Zwischenfälle kommen vor. Beide Länder setzen auf diplomatische Lösungen, doch der Konflikt schwelt weiter. Obwohl die bilaterale thailändisch-kambodschanische Gemeinsame Grenzkommission (JBC) besteht, wurden bisher bei der Grenzfestlegung und einer beiderseitigen Einigung keine wesentlichen Fortschritte erzielt.

Im Mai dieses Jahres kam es erneut zu Schusswechseln. Beide Seiten beschuldigten einander, die Eskalation verursacht zu haben. Kambodscha verhängte ein Importverbot für Lebensmittel sowie für Treibstoff und Gas aus Thailand. Ende Juni schloss Thailand die Grenzübergänge in sechs Provinzen. Darauf intensivierte sich das Säbelrasseln weiter und Ende Juli kam es nun wieder zu Gefechten. Zugleich rief Thailand seinen Botschafter aus Phnom Penh zurück und wies den kambodschanischen Botschafter aus.

Kambodscha hat seine Bereitschaft bekundet, sich erneut an den IGH zu wenden, doch Thailand lehnt eine Entscheidung durch Dritte mit dem Argument ab, dass heikle Angelegenheiten, bei denen es um komplexe historische territoriale Streitigkeiten geht, besser auf bilateraler Ebene geregelt werden sollten. Ohne gegenseitiges Einverständnis ist der IGH nicht handlungsfähig und hat keine Zuständigkeit, was die Grenzen internationaler Rechtsmechanismen verdeutlicht, die in hohem Maße von der Zustimmung der Staaten abhängen.

Wenn man die Entwicklungen des vergangenen Jahrhunderts betrachtet, ist es wahrscheinlich, dass die Grenzfrage wieder in den Hintergrund treten wird. Sie bleibt damit weiterhin ungelöst und könnte bei zukünftigen politischen Ereignissen erneut relevant werden. Wie eine Landmine im Unterholz wird sie verborgen bleiben und auf den nächsten unvorsichtigen politischen Tritt warten.