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Iran - Shiitischer Fundamentalismus im Vielvölkerstaat

Iran - Shiitischer Fundamentalismus im Vielvölkerstaat

von Dr.Dr. Heinz-Dietmar Schimanko


In der Islamischen Republik Iran, deren Landesname 'Jomhuri-ye Eslami-ye Iran' ("Land der Arier") lautet, lebt auf einer Fläche von 1.648.195 km² eine größere Anzahl von Ethnien.

Der Iran hat derzeit eine Bevölkerung von rund 90 Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern (René Muschter, Iran: Gesamtbevölkerung von 1950 bis 2023 und Prognosen bis 2050, Statista 16.07.2024).

Davon sind rund

61% Perser

16% Aserbaidschaner (Azerbaijan)

10% Kurden

6% Luren (Luri, Lors)

2% Turkmenen

2% Araber

2% Belutschen (Balochi)

1% andere Ethnien

(Reunion Technology Inc., WorldAtlas)
(Quelle: OnTheWorldMap - )


Die Sprachenvielfalt ist noch größer (aufgegliedert nach der Muttersprache):

56,6 % Persisch

14,3 % Aserbaidschanisch

9,1 % Kurdisch

5,3 % Gilaki

3,6 % Mazandarani

2,0 % Arabisch

2,0 % Balochi

2,0 % Türkisch

1,3 % Bakhtyari

1,2 % Turkmenisch

0,9 % Gujarati

0,2 % Armenisch

1,5 % Sonstige

(eglitis-media, Laenderdaten.info, Eintrag Iran)

Persisch (Farsi) ist die Amtssprache, wird aber nur von deutlich weniger als 60% der Bevölkerung als Muttersprache gesprochen.

Herrschaft der Fundamentalisten

Der Iran ist eine theokratische Republik. Seine Verfassung statuiert eine theokratisch gesteuerte Demokratie mit einer systemkonformen Auslese der Kandidaten bei Wahlen. Dadurch ist gewährleistet, daß jedenfalls schiitische Fundamentalisten regieren. Im Iran besteht die Mullahkratie, die Herrschaft der Religionsgelehrten und schiitischen Rechtsgelehrten (dazu näher Schimanko, Präsidentenwahlen im Iran, bachheimer.com NL 17.06.2024). Über allem steht der Oberste Führer (Faqih) als höchste geistliche wie auch politische Autorität des Staates.

Ein für das iranische Regime wichtiges Instrument der Machtsicherung sind die Revolutionsgarden (Pasdaran) und die Einsatzgruppen zum Niederschlagen eines Aufruhrs (Bassidji). Die religiösen Fanatiker des Mullah-Regimes unterdrücken die Bevölkerung.

Waffenstillstand mit dem Iran

Wenn die USA nach den militärischen Angriffen auf den Iran, nach dem zunächst durchgeführten israelischen Militärschlag ,Rising Lion' und ihrer danach vorgenommenen Militäroperation ,Midnight Hammer' auf einen umgehenden Waffenstillstand mit dem Iran drangen, erklärt sich das möglicherweise auch damit, daß sie das Mullah-Regime nicht endgültig zu Fall bringen wollten, um keinen Zerfallsprozeß des Iran und eine damit einhergehende Instabilität in der Region mit langdauernden Konflikten verschiedener Machtgruppen zu riskieren. Wenn dem so ist, haben die USA aus dem Arabischen Frühling 2011 gelernt (zur Operation Midnight Hammer siehe Rekonstruktion "Operation Midnight Hammer", NZZ erklärt 26.06.2025; zum Waffenstillstand siehe Janine Enderli, Wie es zu Trumps Waffenruhe-Plan im Nahen Osten kam, Blick 24.06.2025).

Ein möglicher Faktor wäre natürlich auch eine allenfalls im Hintergrund erfolgte Intervention Rußlands oder Chinas oder beider Mächte. Bei solchen komplexen geopolitischen Angelegenheiten ist allerdings eine multifaktorielle Entscheidungsfindung wahrscheinlicher.

Menschenrechte im Iran

"Iran ist Mitglied des internationalen Paktes über bürgerliche und politische Rechte. Eine freie Ausübung der Menschenrechte ist jedoch kaum möglich. Insbesondere die Meinungsfreiheit und die Rechte von Frauen und Minderheiten werden im Iran stark eingeschränkt. Medien stehen unter staatlicher Kontrolle. Journalistinnen und Journalisten sowie Medienschaffende werden für unliebsame Äußerungen strafrechtlich verfolgt. Diese Entwicklungen haben sich seit den Protesten im Herbst 2022 verschärft." (Iran: Politisches Porträt, Auswärtiges Amt 19.03.2025)

Keine religiöse Vielfalt

Anders als bei den Ethnien und den Sprachen besteht bei der Religionszugehörigkeit im Iran freilich keine Vielfalt:

Muslime 80.880.000

andere Glaubensrichtungen140.000

Christliche Glaubensgemeinschaften insgesamt100.000

Religiös ungebunden – ohne spezielle Ausrichtung 100.000

Hinduisten 20.000

Juden 10.000

Volksreligionen 10.000

Buddhisten 10.000

(Statista Research Department, Iran: Religionszugehörigkeit der Bevölkerung im Jahr 2010 und Prognosen bis 2050, Statista.com 2025, Projektion für 2020 auf Basis des Jahres 2010)

Zugehörige zu anderen Religionen als dem Islam sind also sind also in der Gesamtrelation verschwindend gering.

Graphisch dargestellt sieht das so aus:


Die jüdische Gemeinde

Daß manche die iranische jüdische Gemeinde als eine Art "Feigenblatt" für den Iran verwenden wollen, ist versuchte Vortäuschung einer friedliebenden Haltung des Mullahregimes und der Achtung Andersgläubiger. Es ist typisch für solche Diktaturen, daß sie sich mit Propaganda nach außen hin weltoffen und menschenfreundlich geben.

Nach der Revolution im Februar 1979 [der Machtergreifung des Mullahregimes unter Ayatollah Khomeini] schrumpfte die jüdische Gemeinde des Iran, die in ihrer Blütezeit fast 100.000 Juden umfaßte, auf nur noch 9.000 Juden, die derzeit in Teheran, Schiraz und Isfahan leben (David Nissan, interviewt von Mor Shpaier, Warum leben Juden immer noch im Iran?, Israel heute 19.02.2025).

Seitens der kleinen jüdischen Gemeinde wird Treue zur iranischen Verfassung und gutes Einvernehmen mit der Regierung signalisiert (vgl. Theresa Tropper, Jüdisches Leben im Iran, Deutsche Welle 18.05.2017).

Ich hege aber Zweifel, wie authentisch sich Personen geben, die einer Minderheit im Iran angehören, auch wenn sie sich im Ausland aufhalten. Denn wie mir ein Exilperser erzählt hat, der zu seiner Sicherheit nicht mehr in den Iran reist, und von einem anderen Perser bestätigt wird, läßt das Mullahregime Sippenhaftung walten. Wenn beispielsweise Regimegegner vor der iranischen Botschaft in Wien demonstrieren, dann fotografieren bestimmte Botschaftsmitarbeiter sie und stellen deren Identität fest. Dann ermitteln iranische Beamte, ob eine Demonstrantin oder ein Demonstrant Angehörige im Iran haben, und üben Druck auf sie aus. Faschismus in Reinform.

Wenn darauf verwiesen wird, daß die jüdische Gemeinde einen Abgeordneten als Minderheitenvertreter im iranischen Parlament (Majles) stellt, dann ist das nur ein Zeichen ohne Wirkung. Denn es gibt nur vier weitere für religiöse Minderheiten reservierte Parlamentssitze (insgesamt zwei Sitze für armenische Christen, je ein Sitz für Juden, Zoroastrier und assyrische Christen). Insgesamt hat dieses Parlament 290 Abgeordnete (Wilfried Buchta, Eine Theokratie hinter republikanischen Fassaden, Bundeszentrale für politische Bildung 15.05.2020).

Der Wächterrat, das Aufsichtsorgan der schiitischen Fundamentalisten, bestimmt, wer bei Parlamentswahlen überhaupt als Kandidat zugelassen wird, und kann Gesetzesbeschlüsse des Parlaments aufheben. So ist ein aus Sicht des Mullahregimes systemtreuer Parlamentarismus sichergestellt. So etwas ist schlichtweg Scheinlegitimierung von Macht.

Das Grundproblem der jüdischen Gemeinde liegt freilich auf der Hand:

„Bekanntlich folgt das iranische Recht dem islamischen Recht (Scharia), das Nicht-Muslime diskriminiert. Die größte Herausforderung für die jüdische Gemeinschaft besteht heute darin, den Zionismus vom Judentum zu trennen. Sie müssen diese Trennung deutlich machen und ihre Loyalität gegenüber dem Iran beweisen, der den Zionismus als unrechtmäßig und verwerflich ansieht." (David Nissan, aaO).

Vom Verhalten jüdischer Parlamentsabgeordneter wird folgendes berichtet:

"Fast alle jüdischen Abgeordneten im iranischen Parlament vertreten bis heute einen konservativen Standpunkt. So drückte etwa Manuchehr Nikrooz (gewählt 1984) sein tiefes Bedauern anlässlich des Todes des Generalsekretärs der Hezbollah im Libanon, Mostafa Chamran, im Juni 1981 aus und pries ihn als akademischen "Kämpfer". Kurosh Keyvani (gewählt 1992), ein anderer jüdischer Abgeordneter, missbilligte das "zionistische Regime" Israels und bezog sich auf die historische Rede Ayatollah Khomeinis, in der er festhielt, dass es einen Unterschied zwischen dem Zionismus und den iranischen Juden gebe. Am Ende seiner Rede betonte er: "Die persischen Juden glauben und haben sich immer darauf verlassen, dass die gehisste Fahne des Islam und die erhabenen Ulama die Beschützer dieser religiösen Gemeinschaft sind." Auch Manuchehr Eliasi (gewählt 1996) begann seine Reden immer mit einem Segensspruch für den verstorbenen Ayatollah Khomeini. Er meinte, dass die prophetischen Aussagen des Ayatollah die iranischen Juden dazu ermutigten, sich an die Spitze der islamischen Revolution 1979 zu stellen. Ebenso sprach Muris Motamed (gewählt 2002) nach den Wahlen bei seiner ersten Rede über die Milde und Großzügigkeit der Revolutionsführer gegenüber den iranischen Juden. In seinen islamapologetischen Vorträgen berief sich Motamed wiederholt auf die Reden von Khomeini und die Loyalität der persischen Juden zur Islamischen Republik. Am häufigsten lässt sich das islamapologetische Phänomen in den Reden und Schriften des Vorsitzenden der jüdischen Gemeinschaft in Teheran, Harun Yeshaya'i, finden, der fast bei jedem Anlass seine Dankbarkeit für die Freundlichkeit und Toleranz gegenüber den Juden im Iran betont."

(Farshid Delshad, Religiöse Minderheiten im Iran, Bundeszentrale für politische Bildung 12.06.2008)

Religiöse Minderheiten im Allgemeinen

Es finden sich im Iran neben Muslimen kleinere Gemeinden von Juden, Baha'i, Christen (Armeniern, Assyrern und Chaldäern) sowie Zoroastriern (Farshid Delshad, aaO).

Die Lage der religiösen Minderheiten im Iran wird wie folgt geschildert:

"Die Restriktionen gegen Nichtmuslime sind nicht vorwiegend politischer, sondern vielmehr sozialer Natur. Eine Kontrolle ihrer rituellen Veranstaltungen, Kultur- und Schulprogramme sowie der Freizeitbeschäftigungen findet sowohl offiziell als auch inoffiziell statt. Die Strategien der führenden Kräfte der Islamischen Republik sind vielschichtig. Es sind vor allem drei Elemente, die das Maß der Toleranz gegenüber den religiösen Minoritäten bestimmen: die Regierungsbeamten, die öffentlichen Einrichtungen sowie die klerokratische Ideologie und ihre Definition von Politik. Während die ersten beiden Kräfte das Regime stützen, basieren die Säulen der Islamischen Republik auf dem dritten Element. Die schwierigen ökonomischen Verhältnisse und die internationale Empörung über die Menschenrechtsverletzungen im Lande führten Ende der 1980er Jahre zu einer Reduzierung des religiösen Fanatismus. Seitdem ist die politische Haltung religiösen Minderheiten gegenüber besonders undurchsichtig. In diesem Kontext bedeutet der "Dialog der Kulturen", den man im Iran als Dialog zwischen den Zivilisationen bezeichnet, in erster Linie die Zustimmung zur Superiorität der Zwölfer Schia, dann erst "Diskussion"."

(Farshid Delshad, aaO)

[Mit ‚Zwölfer Schia' sind die zwölf Imame gemeint, die nach der schiitischen Glaubensrichtung (Schia) die einzigen legitimen Nachfolger des Propheten Muhammad und reine Bewahrer seiner Botschaft sind (Enzyklopedie des Islam, eslam.de).]

Idealismus vs Pragmatismus

Bei einem rein idealistischen Ansatz müßten die USA mit ihrem demokratischen Sendungsbewußtsein, und um für ihren Verbündeten Israel eine ständige Bedrohung zu beseitigen, nach einem Systemwechsel im Iran streben. Aber im Unterschied zu früheren Zeiten, als sie (allerdings aus handfesten wirtschaftlichen Interessen am Erdöl) mit der CIA im Jahr 1953 im Iran die Regierung Mossadegh stürzten und wieder den Shah an die Macht brachten und dessen neuen Premierminister Sahedi (Tim Weiner, CIA - Die ganze Geschichte, 8. Auflage 2021, 134), halten wohl pragmatische Erwägungen sie derzeit davon ab, auf einen Umsturz im Iran hinzuwirken. Zu groß ist die Gefahr unabsehbarer gravierender regionaler und überregionaler Auswirkungen.